Januar 18, 2005

Sports Rant (I)

Es ist der 8.1.2005 und in Willingen findet der Teamweltcup im Skiflug statt. Für die deutsche Mannschaft springt unter anderem Alexander Herr. Ihm gelingt zwar ein weiter Sprung, allerdings wird er kurz vor der Landung von einem Windstoß beeinträchtigt. Ihm misslingt die Landung und er stürzt....
Eine Stunde später hat sich alles geklärt. Die deutsche Mannschaft gewinnt den (abgebrochenen) Weltcup, Alexander Herr ist allerdings mit einem Kreuzbandriss unterwegs ins Krankenhaus und fällt für den Rest der Saison aus. Bleibt nur die Frage: War der Unfall vermeidbar? Und wenn ja, wer ist für ihn verantwortlich?
Die Positionen sind recht klar definiert. Herr klagt den Internationalen Skiverband (FIS) an, die Sicherheit der Athleten vernachlässigt und einen Unfall billigend in Kauf genommen zu haben. Die Bedingungen mit extrem wechselhaften Winden wären unberechenbar und gefährlich gewesen. Der FIS, die Organisatoren des Wettbewerbs und die Teamchefs widersprechen: Die Bedingungen seien nicht schlimmer gewesen als bei anderen Wettbewerben, das Risiko war annehmbar und eine Absage des Weltcups nicht in Kauf zu nehmen. Und rein rechtlich gesehen steht Alexander Herr auf schlechtem Posten: Dadurch, dass er freiwillig gesprungen ist, hat er die Bedingungen (und damit auch das verbundene Risiko) akzeptiert und ist selber für die Folgen verantwortlich. Und auch das Argument der Vergleichbarkeit ist durchaus einleuchtend: Die Rolle des Windes ist unbestritten, allerdings gehen nur verschwindend wenige Unfälle auf Witterungsbedingungen zurück. Der Weltcup in Willingen hatte praktisch die gleichen Voraussetzungen wie viele Skiflugwettbewerbe zuvor. Und der Unfall an sich ist zwar unglücklich, hatte aber keine zu schlimmen Folgen für den Springer.
Trotz alledem weigere ich mich, den Sturz einfach abzuhandeln. In mancher Hinsicht ist ein Teamweltcup nicht vergleichbar mit einem Einzelspringen. Die Hauptargumente der Funktionäre gründen sich vor allem auf drei Argumente: Das Risiko wäre für die Springer kalkulierbar gewesen, Alexander Herr wäre übertrieben riskant gesprungen und eine Absage des Weltcups wäre für Verband und Publikum untragbar gewesen. Während das letzte Argument einfach nur ein trauriges Streiflicht aus dem publikumsbezogenen Sport ist, fasziniert mich an den ersten beiden Aussagen die vollkommene Ignoranz für die Situation eines Springers in einem Teamwettbewerb.
Gehen wir zeitlich ein paar Schritte zurück. Alexander Herr ist noch nicht gesprungen, er fährt jetzt mit den anderen Springern zur Schanze. Er bemerkt die Wetterbedingungen, ihm wird von der hohen Windgeschwindigkeit und den Windböen berichtet. Er weiß also bereits vor dem Sprung, dass er ein Risiko eingeht. Soweit das Argument der Funktionäre. Was aber sind die Alternativen des Springers in dieser Situation? Natürlich könnte er sich weigern, unter den Bedingungen teilzunehmen. Dies würde aber nicht nur sein Ausscheiden aus dem Wettbewerb bedeuten, sondern auch das Ausscheiden seiner Mannschaft und seines Verbandes. Ein Springer kann in einer Mannschaft keine Entscheidung nur für sich treffen, betroffen wären auch die drei Teamkollegen, die (anscheinend) das Risiko auf sich nehmen. Keiner der Springer will derjenige sein, der für das Ausscheiden seiner Mannschaft verantwortlich wäre. Also nehmen alle Skispringer auch am Wettbewerb teil und entlasten bereits damit die FIS von der juristischen Verantwortung.
Aber nicht nur an dieser Stelle ist der Konflikt mit dem Teamgedanken fatal. Jetzt ist Alexander Herr in der Luft und wird mit ca. 100 km/h in Richtung Boden katapultiert. Wir gehen davon aus, dass der Sportler in der Luft die Weite seines Sprunges noch kontrollieren kann. Je später er landet, desto weiter wird der Flug und desto größer ist auch die mögliche Punktzahl für die Teamwertung. Gleichzeitig erhöht sich aber das Risiko, die Landung nicht kontrollieren können und abzustürzen.
In einem Einzelwettbewerb ist die Handlungsfreiheit der Sportler überschaubar: Jeder Springer ist für sich selbst verantwortlich und kann sich frei entscheiden, wieviele Risiken er eingehen will. In einem Teamwettbewerb ist die Situation allerdings anders. Der Springer übernimmt weiterhin die Verantwortung, von seiner Entscheidung ist aber die gesamte Mannschaft betroffen. Ein zu kurzer Sprung könnte in der Endabrechnung den fehlenden halben Punkt bedeuten. Bei einem Sprung unter schwierigen Bedingungen steht also die Sicherheit des Springers im Konflikt zum mannschaftlichen Siegesinteresse. Gerade die ersten Springer stehen unter einem immensen Druck, da sie nicht einschätzen können, welche Konsequenzen eine verfrühte Landung von ihnen haben könnte.
Praktisch jeder Springer wird im Zweifelsfall das größere Risiko für sich eingehen und damit die Konsequenzen tragen müssen. Die Verletzung von Alexander Herr ist die logische Folge der Wettbewerbsbedingungen.
Bleibt die Frage: Welche Lehre zieht man aus dieser Angelegenheit? Die Risikobereitschaft der Sportler wird mit keinem technischen Mittel zu bremsen sein. Die einzige Möglichkeit, für größere Sicherheit zu sorgen, bestünde in einer strengeren Kontrolle der äußeren Bedingungen. Wenn die Organisatoren nicht die Scheu ablegt, Großereignisse an die Witterung anzupassen, nehmen sie Verletzungen der Springer billigend in Kauf. Wenn die Verbände dies zulassen, handeln sie verantwortungslos gegenüber ihren Repräsentanten. Wenigstens bei Mannschaftswettbewerben sollte hier eine größere Sensibilität herrschen.