Fazit einer Katastrophe
Beginnen wir mit den Fakten: Am 26.12.2004 verschieben sich im indischen Ozean zwei Kontinentalplatten. Das folgende Seebeben erzeugt einen Tsunami, der ungebremst die Küsten von Somalia, Sri Lanka, Indien, Thailand, Indonesien und einigen anderen Ländern erreicht. Die Flutwelle zerstört Städte und Dörfer entlang der Küsten und tötet zahllose Menschen auf See und an Land. Die Infrastruktur ganzer Regionen wird vollkommen vernichtet, ganz zu schweigen von den Menschen, die innerhalb von Minuten ihren gesamten Besitz und viele Familienmitglieder verloren haben.
Ich selbst habe davon nicht viel erlebt. Ich lebe auf der anderen Seite der Erdkugel und um zur nächsten Küste zu gelangen, bräuchte ich zweieinhalb Stunden. Da ich auch keine Angehörigen in den betroffenen Regionen habe, bin ich wohl so etwas wie ein Unbeteiligter. Natürlich kann man bei einer Naturkatastrophe solchen Ausmaßes nicht vollkommen unbeteiligt bleiben. Ich schlage also am 27. Dezember Tageszeitungen auf, sehe fern, lese neue Informationen im Internet und spreche mit anderen Menschen über aktuelle Geschehnisse.
Heute, fast genau eine Woche nach dem ersten Beben ziehe ich die Bilanz was mir als Unbeteiligtem am meisten aufgefallen ist.
- Die Selbstbestätigung
Sylvester, als ich mir eigentlich das Feuerwerk ansehen wollte, sprach mich ein Mann an. Irgendwie kamen wir ins Gespräch und das Gespräch kam - wie sollte es anders sein - auf Naturkatastrophen. Mein freundlicher Gesprächspartner erzählte mir viel von seiner Überzeugung. Er sagte, er glaube an die Macht der Natur und daran, dass die Natur ein Bewusstsein besitze. Er glaube daran, dass Naturereignisse (und folglich auch Naturkatastrophen) kontrollierte Handlungen der Natur seien, die damit auf die Taten des Menschen reagiere. Verhielte der Mensch sich falsch, würde also eine Bestrafung durch die Natur folgen. Obwohl ich seine Weltanschauung nicht im geringsten teilte fand ich die Diskussion anregender als mir ein paar bunte Raketen anzusehen. Vor allem fand ich es interessant, dass ich gerade 5 Tage nach der Flutwelle von einem Menschen mit dieser Überzeugung angesprochen wurde. Ich glaube nicht, dass der Mann durch den Tsunami auf diesen Glauben gebracht wurde, bin mir allerdings sehr sicher, dass er ohne den Tsunami nie mit mir dieses Gespräch angefangen hätte. Natürlich benutzte er auch in der Diskussion mit mir die Ereignisse als ein Beispiel um die Macht der Natur zu demonstrieren. Er wurde wohl durch den Tsunami in seiner Überzeugung berkräftigt und zwar so weit, dass er mit ihr offener umgeht als zuvor (Ich gehe bei dieser Anekdote davon aus, dass er diese Art von Gesprächen nicht häufiger führt).
Sicher ist dieser Mann nicht der einzige, der seinen Glauben, seine Moral oder seine Überzeugung bestätigt fühlt. Religionsgemeinschaften in aller Welt demonstrieren Zynismus indem sie die Ereignisse als Beweis für ihre Theorien missbrauchen. Von ihnen erlebe ich als Bewohner eines christlich geprägten Staates am häufigsten die Christen, die Vergleiche zu biblischen Katastrophen ziehen und daraus moralische Schlüsse ziehen wollen.
Natürlich wird auch auf der politischen Ebene die Katastrophe als Verstärker für bereits bestehende Positionen benutzt. Ein Beispiel? Große Teile der "Anti-Bush-Lobby" (der ich normalerweise recht nahe stehe) suchen und finden auf diese Weise Bestätigung. Sie meinen, der Präsident der USA würde zu wenig Hilfe leisten und im Urlaub bleiben, während andere Regierungschefs selbigen abbrechen und sich persönlich an den Reperaturen beteiligen. So ungern ich eine Gelegenheit auslasse, die Aktionen des mächtigsten Mann der Welt zu hinterfragen: Hier sehe ich den Ansatz der Kritik nicht: Ich frage mich stattdessen: Was genau bewirken die Regierungschefs indem sie ihren Urlaub abbrechen? Zugegeben: Sie setzen das Signal, dass sie persönlich Anteil nehmen und sich um die Aufräumarbeiten kümmern. Es ist aber auch nicht mehr als das Signal: Wirklich gefordert sind die Finanz- und Verwaltungsexperten, die den Umfang der Hilfe bestimmen und koordinieren, wohin sie fließt (womit auch der erste Vorwurf an Bush relativiert werden kann), Botschaften vor Ort und Außenministerium für den Kontakt und die Koordination der Suche nach den Vermissten aus eigenem Land, sowie die Hilfsorganisationen selbst. Ein Bush auf seiner Ranch und ein Schröder in seinem Büro werden in etwa gleich viel bewirken.
Ich werde also in der nächsten Zeit existenzielle Fragen in Bezug auf die Naturkatastrophe einfach ignorieren. Die Einzigen, denen ich in dieser Frage zuhören werde, sind die Experten, die vernünftige Vorschläge für bessere Frühwarnsysteme haben. Alle anderen mögen mir bitte ihre Theorien ohne Tsunami vortragen.
- Die "Exemplarische Betroffenheit"
Exemplarische Betroffenheit findet sich am schnellsten in Zeitungen, Magazinen und im Fernsehen: Sie zeigt uns einzelne Menschen oder Familien, die von der Katastrophe besonders schwer betroffen sind. In den ersten Tagen nach einer Katastrophe werden wir praktisch mit Bildern überhäuft. Wir sehen Helfer, die die Leichen aus den Trümmern ihres zerstörten Dorfes bergen, wir sehen eine Klinik die überquillt von Verletzten, wir sehen Menschen die Verzweifelt ihre Freunde und Verwandte suchen. Und wir sehen Kinder. Kinder, die durch den Tsunami zu Vollwaisen wurden. Kinder, deren Heimat soeben ausgelöscht wurde. Verletzte Kinder in einer der überfüllten Kliniken. Und noch einmal zwei Kinderaugen, die sich neugierig die Kamera ansehen, die auf sie gerichtet wurde, für uns Unbeteiligte aber so wirken, als würden sie UNS in die Augen blicken. Wir Unbeteiligte reagieren immer auf diese Kinderaugen. Sie wecken unser Mitgefühl nicht nur für das Kind, das uns anschaut, sondern für alle Betroffenen. Die Nachricht eines zerstörten Dorfes nehmen wir eher gelassen. Zeigt man uns aber die beiden Kinder, die im Dorf gewohnt hatten und noch vor wenigen Tagen eine Hütte, einen Vater, einer Mutter, zwei Großmütter, vier Geschwister und einen Hund gehabt hatten (was uns natürlich auch mitgeteilt wird), dann zeigen wir echte Anteilnahme.
Was mich daran stört? Zunächst einmal die Tatsache, dass unsere Betroffenheit davon abhängig ist, wie deutlich uns das Leiden des einzelnen Menschen deutlich gemacht wird. Die Tatsache, dass wir ohne die traurigen Kinderaugen kein Anteil nehmen. Dass wir das Ausmaß der Tragödie nicht in Zahlen und Grafiken erkennen, sondern erst wenn man uns das Elend voyeuristisch fotografiert und steril verpackt auf die Titelseite liefert.
Vielleicht rege ich mich darüber zu sehr auf: Empathie lässt sich nicht allein durch Vorstellungskraft erzeugen, wir brauchen einfach einen Standpunkt um uns in die Situation "einzufühlen". Und die stimulierte Empathie ist mir immer noch lieber als Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern.
Worauf ich aber hinaus will: Es ist eine Sache, Emotionen zu stimulieren. Was tatsächlich geschieht, ist ein Verkauf von Emotionen. Jedes Medium, das etwas auf sich hält, zeigt mir die Bilder mit den Kindern (die bei mir, wie sie bemerkt haben, symbolisch für alle Darstellungen stehen, die besonders gut geeignet sind, Mitgefühl zu wecken) auf der Titelseite. Und noch ein paar mehr im Innenteil. Und jedes Medium ist darum bemüht, eigene Bilder mit Kindern zu haben, idealerweise mit Namen, Alter und den Familienangehörigen, die gerade in einem Massengrab beerdigt werden. Egal wie gerne ich schreien würde: "Ich fühle mich ja schon betroffen, ihr könnt aufhören, mir die Bilder zu zeigen" - Ich werde es nicht tun und mir stattdessen das Bild vom kleinen Juan ansehen, der gerade in einer überfüllten Notfallklinik behandelt wird. Warum ich das mache? Vielleicht fühle ich mich verpflichtet. Vielleicht gehört zu der Tatsache, dass ich ohne die Bilder nicht Anteil nehme, auch ein Drang, mehr Bilder in mich aufzunehmen. Vielleicht halte ich es für meine Pflicht, mich dem Grauen auszusetzen. Warum sonst steigt nach einer Naturkatastrophe wie dieser der Konsum von Tageszeitungen und Nachrichtensendungen deutlich an?
Und wenn diese Zeitungen und Sendungen mir wieder einmal neue Bilder vorsetzen, was ist das dann? Die Information des Bürgers oder der Missbrauch der Katastrophe um sich selbst zu verkaufen?
- Die Hilfsaktionen
Nachdem wir für das Thema Katastrophe schon sensibilisiert worden sind folgt der allgemeine Aufruf zu Spendenaktionen. Viele Medien fügen zur Darstellung der Katastrophe den Spendenaufruf hinzu, meist in Zusammenarbeit mit renommierten Organisationen. Da wir gerade eben den kleinen Juan gesehen haben, sind wir gerne bereit zu spenden, auch wenn wir es vorher nie getan haben (außer vielleicht bei der letzten Naturkatastrophe). Wir überweisen unseren Betrag an die Hilfsorganisation unseres Vertrauens und haben das Gefühl etwas für die Opfer getan zu haben (was ja auch stimmt). Wenn wir nichts gespendet haben fühlen wir uns gleich schlechter sobald wir die Bilder mit den Kindern das nächste Mal sehen. Wir denken an den Luxus, den wir haben und die Kinder nicht. Wir denken nicht daran, was wir vielleicht schon einmal getan haben. Wir denken daran, was wir JETZT MACHEN MÜSSEN. Irgendwann halten wir die Bilder nicht mehr aus und spenden. Anschließend haben wir ein reines Gewissen, uns praktisch einen Ablassbrief gekauft.
Was aber passiert mit dem Geld, das wir spenden? Wahrscheinlich haben wir es auf das Konto eines Senders überwiesen. Dieser überweist das Geld dann der Hilfsaktion. Diese kaufen dann für das Geld Medikamente/Geräte/andere nützliche Sachen und verteilen sie dann an die improvisierten Notfallkliniken wo sie dann verabreicht werden.
Was fällt uns dabei auf? Bis aus unserer Spende eine tatsächliche Hilfe geworden ist, ist eine lange Zeit vergangen. Und dabei ist die Zeit nicht einmal eingerechnet, die es gedauert hat, bis das Spendenkonto eingerichtet wurde, wir davon etwas mitbekommen haben, wir uns zur Spende durchgerungen haben und schließlich die Überweisung durchgeführt haben. Die Spende wird erst nach einigen Tagen ankommen, vielleicht später. Wir sind aber davon überzeugt, dass der kleine Juan genau eine Sekunde nach unserer Spende Impfstoff erhält - selbstverständlich von uns finanziert.
Damit will ich keineswegs sagen, dass die Spendenaktionen nach einer Katastrophe keinen Sinn machen. Wenn ihr vorhabt, etwas zu spenden dann tut es jetzt. Was mich nur stört ist die Tatsache, dass Spenden für humanitäre Zwecke erst in Reaktion auf eine Katastrophe geschehen. Die Menge des Geldes das die Hilfsorganisationen erhalten wächst proportional mit aktueller Berichterstattung über humanitäre Notstände. Uns würde es ja nie in den Sinn kommen, dass das Rote Kreuz Geld braucht, wenn sie es nicht ausdrücklich fordern und/oder gerade in der Zeitung ein Bericht über ein Erdbeben/eine Überflutung/eine Seuche ist. Das ist natürlich ein Irrtum.
Geld für Medikamente, Ärzte und Untersuchungsgeräte wird immer benötigt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Rote Kreuz jemals sagen würde "Behalten Sie ruhig ihr Geld, wir haben gerade alles was wir brauchen". Wenn ihr vorhabt zu spenden und es euch leisten könnt, richtet einen Dauerauftrag bei eurer Bank ein. Überlegt euch, was ihr monatlich erübrigen könnt und wollt. Sucht euch eine große Hilfsorganisation mit vielen Projekten und sendet ihr jeden Monat einen kleinen Betrag. Und dem kleinen Juan helft ihr so noch am schnellsten.
- edit 3.1. 13.10: Die Selbstbestätigung nimmt immer perversere Formen an. BILD-Kolumnist Franz-Josef Wagner benutzt den Tsunami als Anlass, die "Grünen und Ökos" zu kritisieren. Mit welcher Begründung? Ja, das frage ich mich auch. Versucht es mal selbst rauszufinden: http://www.bild.t-online.de/BTO/news/2005/01/03/wagner/wagner.html
(Dank an dieser Stelle an die Jungs und Mädels vom Bildblog für die beständige Information über BILD)
edit 4.1. 15:30: Nicht nur Bush wird dafür kritisiert, im Urlaub geblieben zu sein. SPIEGEL Online berichtet darüber, dass unter anderem der nierderländische Innenminister dafür kritisiert wird, nicht "aktiv einzugreifen", was immer das bedeuten mag...
Er ist der INNENminister. Was genau soll er machen, außer repräsentativ in eine Kamera zu schauen und sein Mitgefühl auszudrücken?
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,335434,00.html


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